Aufzeichnung der Gedenkfeier zur Ehrung der Wassertoten der Möhnekatastrophe im Mai 1943

Wir bitten um Verständnis, dass für die Aufzeichnung keine Umleitung des Straßenverkehrs erfolgen konnte. Zur Verständlichkeit der Texte trotz der Straßengeräusche wird der Text eingeblendet. Sie finden ihn darüberhinaus unterhalb des Videos auf dieser Seite.

TeilnehmerInnen waren Bürgermeister Martin Michalzik, Pastoren Dr. Christian Klein und Thomas Metten, Vizebürgermeisterinnen Gertrud Martin und Elinor Schlling sowie Antonia Gutland, Trompete. Aufnahme: David Adrian.

Liebe Wickederinnen und Wickeder,

auch in diesem Mai 2020 erinnern wir an die Opfer der Bombardierung der Möhnetalsperre im Jahr 1943 - allerdings in einem ganz kleinen Rahmen aufgrund der Coronaschutzregeln.

117 Menschen kamen in Wickede (Ruhr) in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai damals vor 77 Jahren ums Leben. Im ganzen Zerstörungsbereich der Möhneflut waren es weit über 1500 Tote.

Besonders tragisch ist das Ertrinken vieler Zwangsarbeiter im Ruhrtal. Ihnen hatte Deutschlands Angriffs- und Vernichtungskrieg
schon Freiheit und Heimat genommen.

Nun verloren sie ihr Leben in Folge eines Kampfeinsatzes der alliierten Luftwaffe gegen das Dritte Reich.

Sie erfolgte als militärischer Schlag gegen die Strom- und Wasserversorgung des Ruhrgebiets.
Seine Städte und Fabriken hatten als Zentrum der Rüstungsindustrie für die Kriegsmaschine des Dritten Reiches eine große Bedeutung.

Doch wie in jedem Krieg waren fast ohne Ausnahme Unbeteiligte und zivile Personen von Zerstörung und Tod betroffen.

Vor zwei Jahren – zum 75 Jahrestag - haben Kinder unserer Gemeinde hier am Mahnmal für die Möhnetoten
in einer bewegenden Aktion eine persönliche Kerze angezündet  für jeden Menschen,der 1943 in Wickede in den nächtlichen Fluten starb.
Jedes Mal schließen wir die Opfer aller Kriege in unser Gedenken und unser Gebet ein.

Heute erinnern wir auch ganz besonders an das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich 2020 zum 75. Male jährt.

Menschen auf der ganzen Welt erinnern daran.
Aber im Jahr der schweren Corona-Pandemie überall ohne Paraden und große Feiern.
Sondern in kleinen, stillen und sehr nachdenklichen Zeremonien.

Wir in Deutschland begehen dieses Erinnern unter anderen Voraussetzungen als in den Ländern,
die damals von hier aus angegriffen, besetzt und zerstört wurden.

Bundespräsident Steinmeier hat dazu gesagt:

"Nur weil wir Deutsche unserer Geschichte ins Auge sehen, weil wir die historische Verantwortung annehmen, 
deshalb haben die Völker der Welt unserem Land neues Vertrauen geschenkt."

Diesem Vertrauen der Völker verdanken wir in Wickede (Ruhr) 75 Jahre Leben in Frieden.
Diesem Frieden verdanken wir in Wickede (Ruhr) eine beachtliche, gute Entwicklung aus Trümmern
zu einem Heimatort mit starker Wirtschaft und schönem Wohnen.

Vor 77 Jahren starben hier im Ruhrtal über 1500 Menschen.
117 allein in unserem Ort. Viele als ganze Familien.
Sie waren Opfer  im Bombenkrieg. So wie heute Menschen im Jemen, im Sudan, in Syrien,
die in Kellern und in Krankenhäusern sterben. Schutzlos. Verzweifelt. Aussichtslos.

Es waren damals und sind heute die Überlebenden, die die Toten aus den Trümmern bergen, sie begraben und
als Kinder, Eltern, Partner, Freunde für immer vermissen.
Noch leben Zeitzeugen unter uns, die diese schmerzhafte Erfahrung teilen können.

Auch wenn die Toten selbst nicht sprechen können, erzählt uns ihr Schicksal unüberhörbar, 
dass Schmerz und Angst der letzten Sekunden des Menschen im Krieg
sich nicht nach Ideologien oder Landesfarben unterscheiden.

Und auch die Trauer der Hinterbliebenen ist unterschiedslos.
Neue Forschungen belegen: Die tiefen Wunden, die jeder Krieg in die Seelen schlägt,
wirken in Familien nicht selten bis in die dritte Generation hinein.

Die Opfer des 2. Weltkriegs, an die wir heute besonders erinnern, mahnen uns eindringlich:
Unser Frieden ist nicht selbstverständlich. Er ist unendlich kostbar und zerbrechlich.

Das Gedenken, zu dem wir in jedem Mai in Wickede am Ufer der Ruhr zusammenkommen,
und die Erinnerung an die Opfer der Kriege begehen wir in diesem Jahr
unter außergewöhnlichen, nie erlebten Umständen.

Sie sehen es selbst. Wir stehen auf Abstand.
Es sind keine Abordnungen der Vereine dabei.
Keine Bürgerinnen und Bürger und keine Vertreter im Rat sind hier.
So nehmen wir den nötigen Corona-Schutz ernst.

Das Coronavirus führt uns drastisch vor Augen, wie verflochten und wie verletzlich unsere Welt ist.

Täuschen wir uns nicht: So schnell wie ein Virus von einem Markt in China aus
unser Leben in Europa und weltweit stilllegt, genau so schnell können Kriege und Konflikte,
die anderswo Tod und Zerstörung bringen, Gewalt und Hass säen,
die Grenzen zu uns überschreiten.

Wir haben es gerade erst erlebt, als Millionen Vertriebene aus Syrien oder Afghanistan Zuflucht suchten.

Wir hören es täglich aus den Berichten über Konfliktgebiete in Afrika.
Die Coronapandemie wirkt dort als Brandbeschleuniger für bittere Not und Aussichtslosigkeit vieler junger Menschen und Familien.

 Liebe Wickederinnen und Wickeder,

auch 77 Jahre nach dem 16. Mai 1943 bleibt das Gedenken an die dunkelste und traurigste Nacht in der Geschichte unserer Gemeinde richtig und wichtig.
Gerade in diesem Jahr. Ein Dreivierteljahrhundert, nachdem in Europa die Waffen schwiegen. Als Millionen Menschen über den Frieden jubelten - und zugleich fassungslos auf die Zerstörungen und die Verbrechen schauten, die vor allem von Deutschen geschehen waren.

Wir erleben dieses Gedenken in unter außerordentlichen Umständen und Beschränkungen.
Aber es sind Einschränkungen in einem Alltag im Frieden - der nicht einhergeht damit, täglich Angst vor Bomben zu haben oder Hunger zu leiden.

Es ist ein Leben, das viel weniger Beschränkungen durch eine lebensgefährliche Krankheit bedeutet als anderswo, und mit der Aussicht, dass unser Land wie kaum ein anderer Staat auf unserer Welt die wirtschaftliche Kraft hat, mit den Folgen dieser Pandemie zurecht zu kommen.

Das verdanken wir dem neuen Vertrauen der Völker der Welt in unser Land, das uns nach dem 2. Weltkrieg neu geschenkt wurde.

Ich bin sicher, unser Erinnern mahnt daher gerade heute , dankbar, zuversichtlich und mutig zu sein.
Dankbar für 75 Jahre ohne Krieg.
Dankbar für gute Lebensumstände, wie sie für die Menschen, die in Wickede am 17. Mai auf  ihre schwer zerstörte Heimat schauten, außerhalb jeder Vorstellungskraft lagen.

Mit diesem Kranz und unserer Zusammenkunft gedenken wir hier - im kleinen Kreis stellvertretend für alle Menschen in Wickede (Ruhr) - unserer Toten in der Möhneflut in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 und aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Dieses Gedenken will und muss mehr bedeuten, als eine Tradition zu pflegen. Das können wir mit unserem eigenen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden beweisen.In unserem täglichen Miteinander als Einwohner und Nachbarn  in Wickede (Ruhr).
In der internationalen Verantwortung Deutschlands für ein sozial, wirtschaftlich und ökologisch faires Zusammenleben der Menschen und Nationen.

Ich bitte Sie herzlich, dass wir auf diese Weise die stumme Mahnung unserer Toten - "Nie wieder Krieg“ -
ernsthaft hören und beherzigen.